Beim Stück "Iphigenie auf Tauris" von Goethe erinnerte mich Iphigenies Bruder Orest sehr an Werther aus Goethes "Die Leiden des jungen Werthers". Das liess mich über die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Werken nachdenken. Während Iphigenie den perfekten humanitären Menschen darstellt, ist Orest von Zweifeln geplagt und glaubt sich dem Schicksal hilflos ausgeliefert.
So könnte man Iphigenie als Lotte sehen, Orest als Werther und auch Orestes Freund Pylades als Wilhem. Sogar Thaos kann man mit Albert verbinden. Die Götter (unter anderem auch die Rachegöttinen) kann man als Werthers Schicksal sehen.
Macht man Orest und nicht Iphigenie zur Hauptfigur werden die Gemeinsamkeiten umso deutlicher. Ebenso könnte man die Lotte anstatt den Werther zur Hauptfigur machen, was den gleichen Effekt hätte.
Orest hat seine Mutter getötet, doch es war nicht seine Schuld, sondern die des Fluches, welcher auf seiner Familie lastet. So kann man den Fluch auch als das Schicksal ansehen. Wegen seinem Schicksal muss er nun schlimme Qualen erleiden.
Werther verliebt sich ungewollt in Lotten, einer verheirateten Frau. Das ist sein Schicksal, welches nun auf ihm Lastet und ihn leiden lässt.
Der Ursprung des Leidens ist zwar verschieden, doch beide haben ihre Tat nicht aus freiem Willen vollbracht. Das Schicksal hat sie beide so zu sagen dazu gezwungen und lässt sie dann dafür leiden.
Orest und Werther sind beide sehr unvollkommene Figuren, doch sie weisen jede Schuld dafür ab. Trotz der Qualen die sie beide erleiden müssen, geben sie sich anfangs etwas widerstrebend, doch dann immer bereitwilliger ihrem Schicksal hin. Beiden ergeht es im Verlaufe der Geschichten immer schlechter und sie verhalten sich zunehmend so, als wären sie in einer Art Wahn gefangen, sie sind passiv und ihre Hoffnungslosigkeit lässt sie immer mehr ihrem Schicksal hingeben, welches für beide den Tod bedeutet. Orest und Werther wirken, und sind es vielleicht auch, depressiv und ihre Weltanschauung ist auch dem entsprechend dunkel.
Iphigenie weist keinerlei Mängel auf, sie befolgt die Sitten und kann dennoch ihre humanitären Ansichten durchsetzen. Sie erkennt ihre Pflichten, trotzdem kann sie sich diesen Pflichten widersetzten, wenn sie nicht ihrer Moral entsprechen, das heisst unmenschlich sind. Deswegen kommen ihr ihre Ansichten manchmal in den Weg, doch schlussendlich kann sie alle, auch Thaos, von deren Richtigkeit überzeugen. Auch Lotte versucht ihren Pflichten als gute Verlobte/Ehefrau nach zu gehen und trotzdem für den Werther da zu sein. So handelt sie menschlich (wie menschlich, kann hier aber noch diskutiert werden) und kann sogar Albert überzeugen.
Pylades ist ein guter, wenn nicht sogar eingzige Freund von Orest, genauso wie Willelm für den Werther sei einziger Freund ist. Pylades und Willhelm begleiten ihre Freunde stillschweigend auf ihrem Weg und unterstützen sie, indem sie ihnen zuhören und an ihren Leiden teilnehmen. Gegen den Schluss verschwinden beide einfach so aus den Geschichten.
Thaos und Albert sind beide Männer, welche die ersehnten Frauen der beiden Leidenden zurückhalten von diesen. Zu guter Letzt lassen sich jedoch beide, Thaos von Iphigenie und Albert von Lotte davon überzeugen, sie los zu lassen und somit auch Orest und Werther zu befreien.
Während der Werther von Lotte und Albert die Pistolen kriegt und sich so endlich von seinem Schicksal befreien kann und erlöst ist, kann Orest dank Iphigenie und Thaos von den Tauren flüchten und ist dann ebenfalls von seinem Schicksal befreit. Beide konnten mit Hilfe ihrer ersehnten Frauen das Schicksal bezwingen und sind vom Leid befreit.
Der Tod in "Die Leiden des jungen Werthers" symbolisiert die Bezwingung des Schicksals; der Selbstmord, der Weg in eine bessere Welt. So kann man auch die Flucht von Tauris als Bewältigung des Schicksals und deren Weg nach Griechenland als Aufbruch in eine bessere Welt sehen.
Kommentar erwünscht. :)
Montag, 9. April 2012
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Ich sehe, du hast einen grossen Aufwand betrieben mit deinem Vergleich. Inhaltlich würde ich dir aber nur bedingt zustimmen: Ich sehe da schon noch Unterschiede. Grob gesagt ist der Werther ein übersensibles Weichei, während der Orest ein von göttlichem Fluch und Schicksal Gejagter ist. Und den Freitod Werthers am Ende als 'Bezwingung des Schicksals' zu sehen ist auch ein wenig sehr positiv gedeutet. Eigentlich ist das doch eher Resignation/Flucht, oder?
AntwortenLöschenEtwas kleines noch: Du verwendest einige Male den Begriff 'humanitär'. Ich denke aber, dass du 'humanistisch' meinst.