Sonntag, 4. März 2012

Am 28. Julius

Törichter Werther, o hüte dich! Das will zu Anfang gesagt sein.
Die Lotten mag gewiss reizend sein und ihre Anziehung mag wie die eines starken Magneten sein, doch du selbst bist es, der seine Triebe zügeln muss. Hüte dich, hüte dich, ich will, dass du dier diese Worte einprägst. Du hattest dein Vergnügen, nun löse dich als bald wie möglich von deiner süssen Melancholie, denn sie wird dich zu Grunde richten!
Ach, wie schwer es mir fällt dir alles zu verübeln, wo du doch mein Freund bist. Ja, wie du schreibst bin ich des Gefühls her ein Wissenschaftler und sehe die Ereignisse mit andere Augen. Du verzerrst dich bloss selbst mit deinen Träumereien. Nimm das Mädchen  gewaltsam aus deinen Sinnen und dein leidlicher Zustand wird schon bald verlöschen. Widme dich der vollendeten Schönheit der Natur und vergesse so deine zum scheitern verurteilte Liebe. Ich will dir nur das Beste gönnen junger Werther, denn du sollst die Freuden des Lebens ohne Schmerzen geniessen können.
Mein Lieber, mit schaudernden Herzen fühle ich mit dir, doch dein Schicksal ist ein anderes.
Wilhelm  

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