Montag, 29. März 2010

Creative Writing: Geschichte ohne Quellenangabe

Gedanken

Es ist der Augenblick bevor ich mich ihr zeige. Ich weiss, dass sie sterben wird, und sobald sie mich sieht, weiss sie es ebenfalls.
Sie betrachtet das Sprungbrett und streckt sich . Sie stösst ihre Füsse vom Brett. Ich will, dass sie mich sieht, während sie in der Luft schwebt. Noch bevor sie das Wasser berührt.
In diesem Sekundenbruchteil treffen sich unsere Blicke. Ich sehe den Ausdruck auf ihrem Gesicht, ehe sie in das Wasser eintaucht.
Noch bevor sie wieder an die Oberfläche gelangt , habe ich sie erreicht. Ich presse sie an meine Brust und muss lachen, als sie um sich schlägt und mit den Beinen strampelt. Wie dämlich sie sich anstellt. Diese dummen Mädchen. Ein Gesicht blöder als das andere. Mädchen, sie sehen alle gleich aus.
Nach Luft ringend, öffnet sie den Mund und schluckt Wasser. Dann letztendlich, kommen die letzten Schwachen Zuckungen und ihr Körper beginnt zu erschlaffen.

Ich gehe aus dem Schwimmbad, an der Bücherei vorbei und beschleunige meine Schritte. Schliesslich lehne ich mich an die Kirchenmauer, stossweise atmend, und dem Knirschen der eigenen Zähne lauschend.
Mit dem Zähneknirschen hatte ich bereits vor der Adoleszenz angefangen. Eine hatte mir erzählt, dass man dies Bruxismus nannte. Immer glaubt sie, sie wär so viel schlauer als ich.
Mein Vater, mein Vater glaubte dies auch. Wir hatten so ein Spiel, Vater sagte mir etwas und ich tat es nicht. Er war Fotograf, kein guter, er hatte so eine Dunkelkammer. Einmal da haben wir wieder dieses Spiel gespielt, er steckte mich in diese Dunkelkammer und schloss die Türe ab. Ich schrie und schrie, ich wollte raus, dann plötzlich wurde alles still um mich, ganz still, ich habe wirklich gedacht ich müsste sterben. Mein Vater hatte mich den ganzen Tag dort drinnen gelassen.
Und in der zweiten Klasse, da war ich neun Jahre alt gewesen und habe bei einer Theateraufführung mitmachen müssen. Ich hatte nur einen Satz, einen kurzen, aufzusagen, nur einen einzigen. Und auf der Bühne vor all diesen Leuten fing ich heftig an zu stottern, sodass alle Kinder, meine Mitschülerinnen, und sogar einige Eltern anfingen höhnisch zu kichern. Das letzte Wort blieb mir im Halse stecken, Tränen kullerten meine Wangen runter und ich war von der Bühne gerannt; von der Bühne an meinen Vater vorbei, der mich aber abfing und mich vor aller Augen georfeigt hatte. Schwächling nannte er mich. Und danach nannte man mich ethisch abgestumpft. Denn nach diesem Geschehnis trockneten meine Augen aus und ich weinte keine einzige Träne mehr. Ich weine innerlich. Ich stelle mir vor, wie in meinem Innern alles von meinen Tränen überflutet wird und sich alles langsam drin auflöst. Keine Lungen, keine Nieren, kein Herz.

Mein Vater liegt schon lange unter der Erde begraben, Diagnose: Lungenkrebs. Mit etwas hatte mein Vater recht, wer etwas anstellt wird bestraft. Ja, alles kommt zurück.
Aber mit dem Bruxismus hatten alle verkehrt gelegen. In einem medizinischen Wörterbuch wird Bruxismus als Zähneknirschen während des Schlafes erklärt, und das tue ich nicht. Nein, bei mir handelt es sich um Bruxomanie und dies bedeutet auch nicht dass ich irgendwie psychisch krank bin oder so. Zwanghaft, neurotisch, aber nicht psychotisch. Psychotisch, so was gibt es doch gar nicht. Diese psychischen Krankheiten sind doch nur erfunden. Jeden Tag fügt man neue psychische Krankheiten in das Lexikon für psychische Krankheiten hinzu. Heutzutage ist alles ein Symptom für eine psychische Störung. Zerfahrenheit, Verschrobenheit, unmotiviertes Lächeln, Landstreicherei, Verwahrlosung, ausgeprägte Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche; schon wenn jemand einen schlechten Tag hat wird er als depressiv angesehen. Wenn etwas schlimmes geschieht schiebt man alles auf unsere „Psychos„ zu, doch man soll nicht die verurteilen, die so was wie Amoklauf oder Vergewaltigungen machen, man soll die verurteilen, die sie zu einem Amokläufer und Vergewaltiger, gemacht haben. Diese Scheinheiligen, das sind grösstenteils die ,welche alle diese Krankheiten in das Lexikon psychischer Störungen eintragen, weil sie nicht einsehen können, dass sie an allem Schuld sind. Die verlorene Jugend stellt für sie somit kein Problem mehr dar, man schliesst sie schnell weg, steckt sie in eine Psychiatrie.
Genau die sind es, die man verurteilen sollte.

Und der Ekel, ja, neulich empfinde ich ihn immer mehr wenn sie mich berührt. Er ist so etwas wie ein süsslicher Abscheu. Wie scheusslich ist es! Er geht von ihr aus und greift auf meine Hände über. Ja, das ist es ganz bestimmt: eine Art Ekel in meinen Händen. Wenn sie mich berührt da ist es mir unerträglich. Wenn sie mich berührt ja, doch lebt sie nicht mehr, kann sie sich nicht mehr bewegen und mich nicht mehr berühren. Unmenschlich, könnte man denken, ein so genanntes Leben auszulöschen nur um den Ekel loszuwerden, doch im Unmenschlichen steckt auch immer menschliches, demnach tue ich ja eigentlich allen einen gefallen; so muss niemand diesen Ekel über sich ergehen lassen und jeder ist frei, kann tun was er will. Befreit vom scheinparanoiden weiblichen Geschlecht, welches mit ihren peinlichen Geschrei nur Panik herbeiruft; immer ohne Grund.
Die Welt wäre ein besserer Ort, dessen bin ich mir bewusst.
Manchmal, lasse ich mich in einen samtenen Sessel fallen, der in der Mitte eines purpurnen Schlosses steht. Das Schloss ist mein Herz. Es liegt weit weg, in einer Wüste, getarnt hinter einer Düne. Dort kann ich mich von der Mühsal des Tages auszuruhen. Dort, in meinem Schloss, fällt alle Nervosität, alle Zweifel und Unsicherheit von mir ab, und mich erfüllt herrliche Ruhe. Doch mein Schloss wird zerstört, denn meine Tränen lösen mein Herz auf; der Ekel wird immer stärker, sodass ich innerlich immer mehr weine und mein Herz und mit ihm mein imaginäres Schloss sich auflöst, für immer. Ja, der Ekel, muss bekämpft werden.

Sie beobachtet den jungen Mann, der in den Bus einsteigt und sich ihr gegenüber setzt, weil die meisten anderen Plätze schon besetzt sind. Der Bus fährt ab. Sie beäugt den jungen Mann, der ein interessantes Gesicht hat, er wirkt leicht angespannt auf sie. Dennoch schaut der junge Mann zu ihr und schenkt ihr ein schüchternes Lächeln.
Das Gewicht der grossen Einkaufstasche drückt auf ihren Beinen; der Bus macht eine scharfe Kurve und ihr rutscht ihr Hausschlüssel auf den Boden, den sie aus der Tasche gepackt hat um ihn dann vor der Haustüre nicht noch herauszusuchen müssen. Der junge Mann bückt sich, greift nach dem Schlüssel und übergibt in ihr. Ihre Hände streifen sich kurz. Sie bedankt sich mit einem Lächeln und steigt bei der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Zu Hause angekommen steckt sie den Schlüssel in das Schloss und der schöne junge Mann kommt ihr in den Sinn. Was er wohl gerade macht? Danach denkt sie nicht weiter darüber nach. In nicht allzu langer Zeit wird sie sich wieder an ihn erinnern.

Nein, nein, nicht noch mehr Ekel. Dieser Ekel überall, mein Herz löst sich mehr und mehr auf. Nur helfen wollte ich doch. Ich glaube, nein ich bin mir sicher, sie macht es absichtlich, wie mit einer Krankheit infiziert sie mich mit ihrem Ekel. Getarnt mit einem falschem Danke, hat sie mir böse ins Gesicht gelacht. Das ist alles mit Absicht.

In wenigen Tagen wird ein junger Mann sich am helllichten Tage vor einen herbeifahrenden Zug werfen. Der Zug wird nicht bremsen können. Der junge Mann wird noch vor Ort sterben.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen